Strich durch die Mietschulden

Barrikadenbau in der Pariser Kommune, Mai 1871
Foto: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Die ersten Maßnahmen der Pariser Kommune von 1871: Auszug aus Lissagarays Geschichte des Aufstandes

„Junge Welt“ 30.04.2021

Auf der Place de Grève zitterte noch die Begeisterung der Volksmassen, als sich etwa 60 Kommunevertreter versammelten. Viele hatten sich niemals gesehen, die meisten kannten sich als Freunde oder Gegner. Unter ihnen befanden sich Liberale, die durch ihre letzte Niederlage niedergedrückt waren, und Revolutionäre, die sich mit ihrem Siege brüsteten. 16 Maires (Bürgermeister von Pariser Stadtbezirken, den Arrondissements, jW) und liberale Beigeordnete, vier unversöhnliche Gegner der Kommune und 66 Revolutionäre aller Richtungen waren gewählt worden.

In den Bezirken der Reichen waren vor allem Maires und Beigeordnete gewählt worden, in den Proletariervierteln viele Veteranen der Republik. (…) Die Kommune zählte unter ihren Mitgliedern 25 Arbeiter, darunter 13 von der Internationale. (…) Die große Mehrheit der Revolutionäre bestand aus Kleinbürgern, Angestellten, Buchhaltern, Medizinern, Lehrern, Juristen und Schriftstellern. Die Mehrheit der Gewählten waren sehr junge Menschen, manche kaum 25 Jahre alt.

Der Vorsitz fiel dem 76jährigen Vater (Charles) Beslay (1795–1878, Ingenieur, Freund des anarchistischen Theoretikers und Ökonomen Pierre-Joseph Proudhon, 1866 Mitglied der Internationale, jW) zu. Er war im Liberalismus aufgewachsen, dann Republikaner geworden und schließlich als erfolgreicher Industrieller zum Sozialismus gekommen. Obwohl er zu den Gründern der Internationale gehörte, hatte er sich geweigert, in ihre Leitung einzutreten, und den Arbeitern gesagt: »Bleibt unter euch und nehmt keine Kapitalisten und Unternehmer auf.« Nach dem Einfall der Deutschen war er nach Metz geeilt. (…) In Paris förderte er die Verteidigung, unterzeichnete die Aufrufe der Corderie (das Zentralkomitee der Nationalgarde befand sich im Haus Rue de la Corderie – Seilerstraße – Nummer 14. Dort hatten seit 1868 die örtlichen Sektionen der I. Internationale ihren Sitz, jW) und riskierte, wegen seiner Angriffe auf seinen Landsmann (Louis Jules) Trochu (1815–1896, General, von September 1870 bis Februar 1871 erster Premierminister der Dritten Republik und Militärgouverneur von Paris, jW) arretiert zu werden.

Es wird sofort über eine Flut von Anträgen verhandelt. (…) Es wird der Vorschlag gemacht, die Sitzungen sollten nicht öffentlich sein. Das bringt die Kommune in Erregung. Arthur Arnould (1833–1895, Journalist, Anarchist und Theosoph, jW) ruft: »Wir sind doch kein Dorfgemeinderat!« – »Aber wir sind ein Kriegsrat«, erwidert Paschal Grousset (1844–1909, Politiker und Schriftsteller, jW), »und wir dürfen unsere Entscheidungen nicht vor dem Feinde ausbreiten.« Die Frage wird vertagt. (Charles) Loiseau-Pinson (1815–1876, Färber, jW) fordert die Abschaffung der Todesstrafe. (Jules) Vallès (1832–1885, Schriftsteller, Mitglied der Internationale, gab von Februar bis Mai 1871 die Zeitung Le Cri du Peuple – Der Volksruf – heraus, jW), (François) Jourde (1843–1893, Buchhalter, jW) und (Albert-Frédéric-Jules) Theisz (1839–1881, Graveur, Proudhonist, Mitglied der I. Internationale, jW) verlangen, dass niemand gleichzeitig Deputierter der Nationalversammlung und Mitglied der Kommune sein dürfe. Dazu erklärt (Pierre) Tirard (1827–1890, Maire des 11. Arrondissements, jW): »Ich habe ein reines Munizipalmandat erhalten. Da man hier von Abschaffung von Gesetzen und von der Kommune als einem Kriegsrat gesprochen hat, kann ich hier nicht bleiben.« Er wickelt seine Demission in die ironische Bemerkung ein: »Ich lasse Ihnen Ihre wohlerwogenen Anschauungen und wünsche Ihnen besten Erfolg.« Das ruft große Empörung hervor. (Gustave) Lefrançais (1826–1901, Anarchist, Mitglied der I. Internationale, jW) will die Demission nicht anerkannt wissen und fordert die Aberkennung des Mandats, andere sprechen von Verhaftung. Doch Tirard hatte von der Rednertribüne der Nationalversammlung behauptet: »Wenn man einmal im Stadthaus drinnen ist, ist man nicht sicher, wieder herauszukommen.« Gerade deshalb lässt man ihn laufen. (…)

Am 30. März morgens wurde Paris über die Arbeiten seiner Kommune unterrichtet: »Heute«, so erklärte die erste Proklamation, »wird die Bestimmung über die Mieten herausgebracht, morgen die über die Verfallstermine; alle öffentlichen Ämter werden neu eingerichtet und vereinfacht, die Nationalgarde wird in kürzester Frist reorganisiert; das sind unsere ersten Taten.« Ein Dekret hob alle Mietzahlungen für die Zeit vom 30. Oktober 1870 bis zum Juli 1871 auf. Versailles bot nur einen Zahlungsaufschub, die Kommune machte einen Strich durch die Mietschulden mit der Begründung, dass der Besitz ebenfalls Opfer zu bringen habe, sie vergaß aber, die Industriellen, die während der Belagerung schändliche Profite gemacht hatten, vom Schulderlass auszunehmen.

Prosper-Olivier Lissa­gary: Histoire de la Commune de 1871, Brüssel 1876. Hier zitiert nach: Lissagaray: Der Pariser Kommune-Aufstand. ­Soziologische Verlagsanstalt, Berlin 1931, ­Seiten 175–180

Ein Kommentar zu „Strich durch die Mietschulden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s