Ein Ende

Literatur- und Realgeschichte: Über die doppelte Rezeption der Pariser Kommune in der marxistischen Tradition

Von Georg Fülberth

Angehörige der Pariser Nationalgarde in den ersten Tagen der Kommune
Foto: imago stock&people

„Junge Welt“ vom 17.03.2021

Karl Marx und Friedrich Engels hatten ein zwiespältiges Verhältnis zu gescheiterten Aufständen, die sie zuweilen (zum Beispiel im Manifest der Kommunistischen Partei) als »Emeuten« bezeichneten (MEW 4, S. 470). Sie solidarisierten sich mit den Besiegten, errichteten ihnen literarische Denkmäler, nannten ihre Auflehnung ebenso unvermeidlich wie ihre Niederlage: erzwungen durch unerträgliche, zuweilen provoziert durch ihnen günstig erscheinende Umstände, aber vergeblich, da verfrüht. Dieses Muster ist bei ihnen immer wieder zu erkennen: von der Schrift des jungen Engels über den deutschen Bauernkrieg über Marx’ Beurteilung der Pariser Junischlacht von 1848. In ihrer Haltung zur Pariser Kommune gerät dieses Schema ein wenig durcheinander: Eine Sektion der Ersten Internationale war vor Ort unmittelbar beteiligt, außerdem standen Marx und Engels gerade in einer Auseinandersetzung mit Bakunin um die Deutungshoheit dieses Ereignisses. So fehlte der olympische Abstand, mit dem sie sonst an der Berechtigung von Aufständen und deren, solange die Zeit noch nicht reif war, zwangsläufiger Niederlage Maß nahmen.

Nur ein Vorpostengefecht?

Bis heute gibt es in der marxistischen Tradition eine doppelte Rezeption der Pariser Kommune: eine literaturgeschichtliche und eine realhistorische, man kann auch sagen: eine realistische.

Zur ersten Überlieferung gehört die Rede von August Bebel über die Kommune im deutschen Reichstag am 25. Mai 1871, noch während der Blutigen Woche, als die Revolutionärinnen und Revolutionäre niederkartätscht wurden: »Meine Herren, mögen die Bestrebungen der Kommune in Ihren Augen noch so verwerfliche oder – wie gestern im Hause privatim geäußert wurde – verrückte sein, seien Sie fest überzeugt, das ganze europäische Proletariat und alles, was noch ein Gefühl für Freiheit und Unabhängigkeit in der Brust trägt, sieht auf Paris. Meine Herren, und wenn auch im Augenblick Paris unterdrückt ist, dann erinnere ich Sie daran, dass der Kampf in Paris nur ein kleines Vorpostengefecht ist, dass die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht und dass, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtenruf des Pariser Proletariats ›Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggange!‹ der Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats werden wird.«

Ein starker Text, zweifellos. So musste man es machen, wenn man zu den geschlagenen und verleumdeten Genossinnen und Genossen stehen und sich nicht feige verdrücken wollte. Zugleich handelte Bebel auch in Selbstverteidigung: Die Kommunarden galten in der konservativen und bürgerlichen veröffentlichten Meinung als Mörder und Brandstifter. Eine Distanzierung hätte der deutschen Sozialdemokratie in dieser aufgepeitschten Stimmung nichts geholfen. Auch taktisch war es somit auf die Dauer besser, die Ehre der Besiegten zu retten. Im Licht der Oktoberrevolution von 1917 erscheinen Bebels Worte wie eine zutreffende Prognose: Die Pariser Ereignisse seien nur ein Vorpostengefecht gewesen, die Hauptsache komme noch. Doch gerade darin liegt ein Problem. Dazu später.

Marx und Lenin

Auch für Marx war – ausweislich seiner Schrift »Der Bürgerkrieg in Frankreich« von 1871 – die Pariser Kommune eine Revolution nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Zukunft – ein Vorpostengefecht also. Verleumdungen wurden zurückgewiesen, Grundstrukturen einer demnächst zu erwartenden neuen Gesellschaft sichtbar gemacht. Zugleich vertrat Marx implizit eine Fraktionsmeinung innerhalb der Ersten Internationale. Für die Bakunisten begann die Revolution mit der Negation des Staates. Marx versuchte zu zeigen, dass eine neue öffentliche Gewalt entstand, die gebraucht wurde, um die Gesellschaft umzugestalten.

Bei Lenin – »Staat und Revolution«, 1918 – dasselbe Bild. Im dritten Kapitel dieser Schrift griff er Marx’ Interpretation der Kommune wieder auf, jetzt aber mit der Hauptstoßrichtung nicht mehr gegen die Anarchisten, sondern gegen die rechten und zentristischen Sozialdemokraten, die mittlerweile den überkommenen Staat als mögliches Mittel einer sozialistischen Transformation verstanden. Ihnen hielt er entgegen, dass die alte Staatsmaschine zu zerbrechen und durch neue Organe zu ersetzen sei. Die Sowjets von 1905 und 1917 wurden bei ihm die Fortsetzer der Kommune 1871. So war eine durchgehende Traditionslinie gezogen.

Erklärungsbedürftig bleibt dabei, weshalb es in dieser eine Unterbrechung von 34 Jahren (von 1871 in Paris bis 1905 in Russland) gegeben hat, die Neuaufnahme der Revolutionsserie nicht in einem hochentwickelten kapitalistischen Land geschah und dort, wo sie 1918/19 dann doch versucht wurde, schnell scheiterte und im gesamten 20. Jahrhundert nur noch in den kapitalistischen Peripherien erfolgte. Überlegungen hierüber könnten dazu führen, dass die Pariser Kommune nicht eine Zwischenetappe in einem Zyklus gewesen ist, der fast bis in die Gegenwart reicht, sondern eine Endstation. Diese schloss eine Periode ab, die auf das 19. Jahrhundert beschränkt geblieben ist: von 1830 (Frankreich, Belgien) über 1848 (Deutschland/Österreich, Frankreich, Italien, Ungarn) bis eben 1871 (Paris).

Wandel der Arbeiterbewegung

Derjenige, der das erkannt hat, war Frie­drich Engels.

Die Niederlage der Kommune ist ihm offenbar in die Knochen gefahren. Zwar machte er Marx’ Interpretation von 1871 mit, gab sogar bekannt, hier sei die Diktatur des Proletariats, die von der Zukunft zu erwarten sei, schon einmal erreicht worden, doch in seiner Einleitung zu Karl Marx‘ »Klassenkämpfen in Frankreich 1848 bis 1850« von 1895 legte er sich Rechenschaft darüber ab, dass es so wie bisher nicht weitergehen konnte.

Das war unter anderem eine Frage der Waffentechnik. Die Straßenbauten des Barons Haussmann, die der Artillerie freie Bahn schufen, machten die Barrikaden obsolet. Viel wichtiger noch: Beim Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz in das, was Rudolf Hilferding 1915 Organisierten Kapitalismus, W. I. Lenin 1917 aber Imperialismus nannte, fand der Klassenkampf nicht in erster Linie auf der Straße, sondern im Kapillarsystem der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen statt. Engels hat einige von ihnen genannt: von den Gewerbegerichten bis zum allgemeinen Wahlrecht, ja bis zur Armee, in der irgendwann die wehrpflichtigen jungen Arbeiter überwiegen und von ihr trainiert würden. Die kapitalistischen Zentren befanden sich in der viel später (1944) von Karl Polanyi beschriebenen »Großen Transformation«.

Diese erfasste auch die Arbeiterbewegung. Mitte der 1880er Jahre machte sich in Deutschland der Reformismus in der sozialdemokratischen Reichstagsfrak­tion breit und trieb Bebel und Engels zur Verzweiflung. Man könnte einwenden, das habe die Kombination aus Sozialistengesetz und Bismarckscher Sozialpolitik bewirkt. Aber in Frankreich war es ebenso: Der ehemalige Bakunist Paul Brousse wurde zum Anführer der sogenannten Possibilisten, die von der bürgerlichen Gesellschaft nur noch das nehmen wollten, was innerhalb ihrer Grenzen möglich (possible) war.

1923 hat Karl Korsch in seinem Buch »Marxismus und Philosophie« dargelegt, dass die Theorie von Marx und Engels zwischen 1871 und 1914 sich gleichsam oberhalb der neuen Realität befunden habe, die im Revisionismus Bernsteins einen adäquateren Ausdruck fand. Erst mit dem Roten Oktober sei sie gleichsam wieder brauchbar geworden.

Was er übersah und wohl auch noch nicht wissen konnte: Die nun anbrechenden Revolutionen des 20. Jahrhunderts entsprangen anderen Konstellationen – den Verwerfungen der imperialistischen Weltkriege, dem Dekolonisationsprozess und schließlich auch der Systemkonkurrenz von Kapitalismus und Staatssozialismus. Von der Pariser Kommune dorthin führte kein Weg. Sie war ein Ende, kein Anfang. Nur scheinbar ist das, was 1905 in Russland begann, eine Anknüpfung gewesen. Der Anschein der bruchlosen Kontinuität ergab sich aus der Ideen-, nicht aber der Realgeschichte.

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